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Gedenkfeier für deportierte Patienten der NS-Zeit

Mahnmal in der Asklepios Klinik Nord-Ochsenzoll enthüllt
Erinnerung an das Schicksal von 4097 Patienten der "Anstalt Langenhorn"

Hamburg, 08. Mai 2009.  Mehr als 150 Menschen haben heute in der Asklepios Klinik Nord-Ochsenzoll des Schicksals von 4097 Patienten der ehemaligen „Heil- und Pflegeanstalt Langenhorn“ gedacht, die während der Zeit des Nationalsozialismus aus der Klinik in Tötungs- und Verwahranstalten deportiert wurden. Hamburgs Gesundheits- und Sozialsenator Dietrich Wersich enthüllte vor dem Walter-Behrmann-Haus (Haus 42) eine große Gedenktafel, die an die Deportation und Tötung der Patienten - darunter viele jüdische Bürgerinnen und Bürger sowie zwölf Kinder - erinnert.  Bischöfin Maria Jepsen, Erzbischof Dr. Werner Thissen und Kantor Arieh Gelber gedachten der Opfer im Gebet.

Im Anschluss an die Enthüllung des Mahnmals wurde die Ausstellung „Wege in den Tod“ eröffnet. In den Vorträgen zum geschichtlichen Hintergrund standen die Anstalt Langenhorn, das Nationalsozialistische Euthanasie-Programm sowie die Frage der Menschenwürde im Mittelpunkt. Die Gedenkveranstaltung wurde gemeinsam von der Stiftung Freundeskreis Ochsenzoll und der Asklepios Klinik Nord gestaltet.

Erinnerung an den dunklen Teil der Geschichte

„Das Mahnmal soll alle Mitarbeiter der Klinik, aber auch unsere Patienten und Besucher an diesen dunklen Teil der Geschichte unserer Klinik erinnern“, sagte Priv.- Doz. Dr. med. Claas-Hinrich Lammers, Ärztlicher Direktor der Asklepios Klinik Nord-Ochsenzoll, anlässlich der Enthüllung der Gedenktafel. Er würdigte dabei insbesondere die umfangreiche Aufarbeitung der Geschichte der Anstalt Langenhorn durch den ehemaligen Direktor der psychiatrischen Klinik, Professor Dr. Klaus Böhme, und Dr. Klaus Wunder von der Stiftung Alsterdorf. Beide hatten maßgeblich an der 1993 erschienenen Publikation „Wege in den Tod – Hamburgs Anstalt Langenhorn und die Euthanasie in der Zeit des Nationalsozialismus“ mitgewirkt. „Prof. Böhme und Dr. Wunder haben gemeinsam mit Historikern in mühevoller und leidenschaftlicher Arbeit Licht in das Dunkel der Geschichte unserer Klinik gebracht“, würdigte Dr. Lammers das Engagement von Prof. Böhme und Dr. Wunder. 

Der Text auf der Gedenktafel:

"Vom Gelände dieser Klinik aus wurden während der Zeit des Nationalsozialismus 4097 Patientinnen und Patienten im Rahmen des nationalsozialistischen „Euthanasie-Programms“ in Tötungs- und Verwahranstalten abtransportiert.
3755 von Ihnen, darunter viele jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger, fanden dabei den Tod.
Bei medizinischen Versuchen in der Kinderfachabteilung wurden zwölf Kinder getötet.Wir gedenken an dieser Stelle der Opfer.
Ihr Schicksal bleibt uns Mahnung zum würdevollen und achtsamen Umgang mit jedem Menschen.“

Vom stillen Gedenken in die Zukunft

Die Gedenksteinlegung war auch Auftakt für ein zukunftweisendes Projekt, für das die Stiftung Freundeskreis Ochsenzoll die Federführung übernommen hat. Unter dem Namen "Verrückte Welten - Haus der Psychiatrie" soll in der ehemaligen Krankenhauskapelle - gegenüber dem Gedenkstein - ein Museum, Ausstellungshaus und Veranstaltungszentrum entstehen. Dazu äußert sich Martin Sielaff, vom Stiftungsvorstand: „Historisch geht es darum, die Hamburgische Psychiatriegeschichte aufzuarbeiten. Kulturell geht es darum, psychische Erkrankung und seelische Behinderung als Beitrag zur pluralistischen gesellschaftlichen Normalität erlebbar zu machen. Die ehemalige Kapelle wäre dafür der geeignete Ort.“

Das Projekt „Verrückte Welten - Haus der Psychiatrie“ möchte informieren, neue Vorstellungsbilder von der Psychiatrie schaffen und psychisch erkrankten Menschen Arbeit im Bereich Tagung und Gastronomie bieten. Die Angebote des Projektes sind mal ernsthaft und nachdenklich, mal emotional und ausdrucksstark, mal verspielt und unterhaltsam. Egal ob Museum, Kunstausstellung oder Gastronomie: die „Verrückten Welten“ wollen informieren und den Horizont dessen erweitern, der sich auf sie einlässt. Zur Realisierung des Projektes hat sich bereits Ende 2007 eine Gruppe konstituiert, deren Mitglieder aus verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen stammen. Neben der inhaltlichen Arbeit geht es im Projekt derzeit vor allem darum, die Kapelle als geeignete Immobilie zu sichern sowie um die ideelle Unterstützung und die Spendenakquise. „Noch sind wir erst am Anfang. Wir sind aber überzeugt, dass dieses Projekt Berührungsängste zu Menschen mit einer psychischen Erkrankung abbauen und einer Ausgrenzung dieser Menschen entgegenwirken kann“, so Martin Sielaff.

Hintergrund:

Zwischen 1939 und 1945 wurden im Deutschen Reich im Rahmen des nationalsozialistischen Euthanasie-Programms mehr als 100.000 Geisteskranke und Behinderte ermordet, darunter auch viele Kinder. Neuere Forschungen gehen sogar von bis zu 260.000 Opfern aus. Die „Heil- und Pflegeanstalt Langenhorn“ war seit 1936 die einzige große staatliche Institution in Hamburg für psychisch Kranke. Langenhorn war damit Drehscheibe der Anstaltsdeportationen in Hamburg.  Die Patienten dort galten im Sinne der nationalsozialistischen „Rassenhygiene“ als „unwertes Leben“. Sie wurden im Laufe der Jahre an mehr als 20 Tötungsanstalten transportiert. 4097 Fälle konnten dokumentiert werden. Nachzulesen in der Publikation „Wege in den Tod“, Hg. Klaus Böhme/Uwe Lohalm, Hamburg 1993 (Forum Zeitgeschichte Band 2, Forschungsstelle für die Geschichte des Nationalsozialismus in Hamburg).